"Die Glocke": IG Historischer Stadtkern uneins mit Stadt Stiftung -Nachbarn streiten über Bürgerbank
Von GERRIT DINKELS - Gütersloh (gl). Zum bunten Blütenband auf dem Alten Kirchplatz haben sich gestern 15 Meter schwarze Plastikfolie gesellt. Das Modell soll die Ausmaße der so genannten Bürgerbank widerspiegeln, welche die Stadt Stiftung dort nach den Osterferien aufstellen will.
Für das improvisierte Modell zeichnen Mitglieder der Interessengemeinschaft (IG) Historischer Stadtkern verantwortlich, die das Vorhaben an der Stelle ablehnen. „Der Standort ist für den Kirchplatz nicht vertretbar“, erklärten Hans Mertens, Beate Öpping und Uwe Becker gestern unisono. Das monolithische und starre Objekt passe nicht in die „historisch gewachsene Struktur am Kirchplatz“.
Anlässlich der Feier zu ihrem zehnjährigen Bestehen Anfang Dezember hatte die Stiftung das Projekt Bürgerbank vorgestellt („Die Glocke“ berichtete). Auf einem etwa 15 Meter langen anthrazitfarbenen Betonbalken sollen 220 Edelstahllamellen Platz finden und eine Sitzfläche bilden. Das Konzept stammt vom Medienkünstler Jürgen Pukies aus Bielefeld. Die Bürgerbank soll als Symbol für ihre Arbeit auf dem Rasen vor dem Stiftungssitz am Alten Kirchplatz 12 stehen. Mit dem Betonbalken werde der historische und architektonische Kontext des Platzes aufgegriffen, heißt es in einem Faltblatt. Er nehme Bezug auf die Eichenbalken der Fachwerkhäuser.
Die Lamellen werden für eine einmalige Spende von 500 Euro verkauft. Der Name des Spenders wird im Gegenzug eingraviert. 110 Lamellen sind laut Stiftung schon vergeben.
Das eingenommene Geld soll in die sozialen und bildungspolitischen Projekte fließen, rund 110 000 Euro. Die Stiftung hatte sich zuvor mit dem Presbyterium der Kirchengemeinde als Eigentümerin der Wiese an der Apostelkirche sowie dem städtischen Gestaltungsbeirat abgesprochen. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“, sagte Geschäftsführer Michael Jacobi der „Glocke“. „Der Standort ist genehmigt. Wir haben alles getan, um die Rechtmäßigkeit abzusichern.“
Gegenwind kommt von Anliegern und Mitgliedern der IG Historischer Stadtkern, die auch mehr als 400 Unterschriften gesammelt haben. Sie begrüssten zwar die Idee, mit der Bürgerbank soziale Projekte zu unterstützen. Aber der Standort sei falsch. Die IG hat auf lange Sicht eigene Pläne für den Kirchplatz, die schon seit Jahren in der Schublade liegen. Die Rasenfläche soll dabei erhalten bleiben, aber an den Rändern soll die Aufenthaltsqualität gesteigert werden.
Direkte Gespräche, zuletzt am 7. März, haben bisher zu keinem Resultat geführt. Ein Vorschlag der Stiftung, durch Eingriffe in die Bepflanzung eine Einigung zu erzielen, stieß bisher ebenso wenig auf Resonanz wie der Vorschlag der IG, den langen Block in vier kleinere Einheiten zu teilen. Im Ergebnis herrscht Funkstille. Die IG-Mitglieder beteuern, „wir wollen keinen Streit und wir wollen kein Porzellan zerschlagen“, so Hans Mertens und Uwe Becker. Aber von seinem Standpunkt abweichen will auch niemand, weder die Stiftung noch die Interessengemeinschaft.
„Stadt ist nur Mittler“
Die IG schließt sich außerdem einem Brief des Rechtsanwalts Joachim Standke aus der Kirchstraße an Bürgermeisterin Maria Unger vom Dienstag dieser Woche an. Darin fordert der Rechtsanwalt zu prüfen, ob für die Bank eine Baugenehmigung erforderlich ist und ob Belange des Denkmalschutzes einer Genehmigung entgegenstünden.
Dietmar Buschmann, Leiter des Fachbereichs Bauordnung im Rathaus, sagte der „Glocke“, eine baurechtliche Genehmigung sei aus seiner Sicht nicht erforderlich. In Sachen Denkmalschutz sei man im Gespräch mit der Fachbehörde in Münster und wolle noch vor den Osterferien eine Ortstermin anberaumen. Buschmann: „Man sollte aufeinander zugehen und einen Kompromiss finden. Alles andere hilft nicht“. Die Stadt könne hier nur eine Mittlerrolle übernehmen.
Nach Auskunft der Anlieger wollte auch das Presbyterium der Kirchengemeinde am Abend noch einmal über das Vorhaben sprechen. In einem offenen Brief vom 15. März hatte die Interessengemeinschaft die Kirchengemeinde aufgefordert, ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken. Sie plädieren für einen Standort vor dem Rathaus, am Christian-Heyden- Weg neben dem Standesamt oder auf der Apfelwiese am Stadtpark.
"Neue Westfälische": Nachbarstreit um Kunstobjekt - Stadt-Stiftung hält an Standort auf Kirchplatz fest / Kritische Stimmen mehren sich
VON ANETTE ISRINGHAUSEN - Gütersloh. Das einst harmonische Nachbarschaftsverhältnis am Alten Kirchplatz ist gespannt. Die Stadt-Stiftung möchte ihre 15 Meter lange und etwa sieben Tonnen schwere „Bürgerbank“ auf dem Rasen vor der Apostelkirche aufstellen, die Interessengemeinschaft (IG) Historischer Stadtkern kann sich jeden Standort vorstellen, nur nicht vor der eigenen Haustür. Das gilt auch für einen weiteren alteingesessenen Nachbarn: den Kunstverein Kreis Gütersloh.
Da es sich bei der Stadt-Stiftung um einen ebenso geschätzten wie einflussreichen Nachbarn handelt, ist die Kritik des im Veerhoffhaus beheimateten Kunstvereins ausdrücklich als konstruktiv gekennzeichnet und in ihrer diplomatischen Formulierung kaum zu überbieten. So wendet sich der Verein keineswegs gegen die Bürgerbank an sich, lobt stattdessen die „nach allen Kräften zu unterstützende“ Idee, der somit eine Realisierung an „belebter und herausragender Stelle“ gebühre. Der Alte Kirchplatz, eher abgeschieden und beschaulich, weise der Bank ein unerwünschtes Randdasein zu. „Bürgerschaftliches Engagement muss sich nicht verbergen, schon gar nicht in der Ruhe eines ehemaligen Friedhofs“, lautet einer der mit Bedacht ins Feld geführten Argumente des Vorsitzenden Friedrich- Wilhelm Schröder.
Zudem könne ein derart ausladendes Exponat die „wohltuende Atmosphäre“ des Platzes, um deren Erhalt sich gerade der Kunstverein bei der Restaurierung des Kirchturms bemüht habe, empfindlich stören. Ob die Stadt-Stiftung den Kritikern entgegenkommt , ist fraglich. Ein Gespräch zwischen IG und Stiftung ist ergebnislos verlaufen. Die Stadt-Stiftung bot an, die Bank zu verrücken, die IG lehnte ab und präsentierte eine Reihe von ihrer Ansicht nach besser geeigneten Alternativstandorten. Nun befasst sich bei der Stiftung das oberste Gremium, das Kuratorium mit dem Fall. Zu diesem Gremium gehören acht prominente Bürger, darunter Liz Mohn und Dr. Reinhard Zinkann, geschäftsführender Gesellschafter der Miele- Gruppe.
Michael Jacobi, Geschäftsführer der Stiftung: „Wir haben unserere Aufgaben erfüllt.Das Presbyterium der Kirchengemeinde als Grundstückseigentümerin hat zugestimmt, mit der Stadt als Denkmalbehörde und dem Gestaltungsbeirat haben wir uns ebenfalls abgestimmt.“
Friedrich-Wilhem Schröder, Architekt und ehemaliger Vorsitzender des Gestaltungsbeirats, zweifelt indes nicht nur am ausgewählten Standort, sondern auch an der Ausgereiftheit des Konzepts. Wie berichtet, verkauft die Stadt-Stiftung die 220 Edelstahllamellen für je 500 Euro an Bürger, um ihr Stiftungskapital aufzustocken. Die Namen der Spenders sollen in die Lamellen eingraviert werden. Schröder: „In diesem Fall träfen Spendername und Hinterteil des Bankbenutzers hautnah aufeinander. Ob diese Konstellation die Spendenbereitschaft erhöht, scheint fraglich.“
Die Interessengemeinschaft hadert nicht nur mit der Ästhetik, sondern zeigt auch über die Sicherheit besorgt. Mitglied Joachim Standke hat als Rechtsanwalt bei der Stadt eine baurechtliche Überprüfung der Bürgerbank beantragt. Denn das Objekt wiege immerhin an die 7,5 Tonnen und ruhe nur auf einer Rasenfläche über einem ehemaligen Friedhof.
So ganz ist die Tür nicht zugeschlagen. Die IG könnte sich notfalls mit einem Kompromiss abfinden und die Bank in ihre eigenen Pläne für die Gestaltung des Kirchplatzes einbeziehen. „Wir haben vier sichelförmige Bereiche vorgesehen, die für Ruheplätze geeignet wären“, sagt Uwe Becker. Dies würde allerdings eine „Vierteilung“ des Kunstobjekts bedeuten, das – bis auf die nochnicht an Sponsoren verkauften Lamellen – allerdings schon vollendet ist.