Kritisch setzen sich die samtäglichen Wochen-Kommentare der Zeitungen "Die Glocke" und "Neue Westfälische" mit den Vorschlägen der Plattform zum Pfleiderer-Areal und zum Alten Güterbahnhof auseinander (zum Konzept von CDU und GRÜNEN siehe hier):
Pläne liegen in der Schublade (Kommentar "Die Glocke")
Von GERRIT DINKELS - Der Gedanke klingt verlockend. Brachliegende Gewerbe- und Industrieflächen sollen revitalisiert werden, und wenn es partout kein anderer machen will, kaufen und vermarkten wir sie eben selbst. Nehmen eine Umverteilung im städtischen Immobilienportfolio vor, und dann wird das auf lange Sicht schon laufen. Damit mildert man den Mangel an Gewerbeflächen und schafft am Güterbahnhof die Voraussetzungen für einen Innovationscampus. Ganz so einfach und risikolos ist das leider nicht.
Mit Ausnahme des Düsseldorfer Projektentwicklers Kai 18 wird es in Gütersloh kaum jemand bedauern, dass nun auch die CDU keinen Baumarkt auf dem Pfleiderer-Gelände zwischen Holzstraße und Langer Weg zulassen will. Der Großmarkt stand schon vorher nicht mehr auf der Agenda. Was sich CDU und Grüne als Alternative ausgedacht haben, klingt allerdings nach einer Milchmädchenrechnung.
Schon von einem Vorkaufsrecht für das kleinere Pfleiderer- Gelände auf der Ostseite der Holzstraße hatte die Stadt vor Jahren keinen Gebrauch gemacht, weil die Bereitstellungskosten für Abriss, Entsorgung und Erschließung zu hoch wären. Ohne kalkulierten Verlust könnten die Grundstücke kaum veräußert werden. Auf der Westseite kommt man nach Angaben von Kai 18 für die Herrichtung schon allein auf Kosten von fast 100 Euro je Quadratmeter, die auf den Grundstückspreis draufzuschlagen wären. Wer kauft da ein Grundstück, wenn es in der Nachbarschaft billiger geht?
Sicher, nicht alles muss gleich abgerissen werden. Vielleicht findet sich ja ein Nutzer für Verwaltungsgebäude oder Hallen. Dann sinken die Kosten. Aber das Risiko ist groß, dass die Stadt für einen Teil der Flächen auf lange Sicht drauflegen muss. Oder sich das Gelände zu einer Ruine entwickelt wie Bartels damals. Da sind noch Gespräche zu führen.
Anders scheint sich die Lage am Güterbahnhof darzustellen. Der Preis ist dem Vernehmen nach so in den Keller gegangen, dass die Stadt tatsächlich mit dem Klammerbeutel gepudert wäre, griffe sie dort nicht zu. Die Pläne für eine Nutzung liegen schon lange in der Schublade eines Gütersloher Architekten.
Zwischen Mut und Wankelmut (Kommentar "Neue Westfälische")
Nun hat sich auch die CDU vom ungeliebten Riesen-Baumarkt bei Pfleiderer verabschiedet. Hat sie sich dem Druck des Einzelhandels oder der besseren Einsicht gebeugt? Auf jeden Fall ist die Entscheidung unter städtebaulichen Gesichtspunkten zu begrüßen.
Auf die Begleitumstände trifft das freilich nicht zu. Nur wer es besonders gut mit der CDU meint, attestiert ihr – wie sie sich selbst – den Mut, kurz vor Toresschluss die Reißleine gezogen zu haben. Man könnte es aber auch Wankelmut nennen, der wie im Fall Konrad-Adenauer-Platz erneut Investoren verprellt und Zweifel an der Verlässlichkeit der Gütersloher Politik schürt.
Tatsache ist, dass es in dieser Frage nicht nur innerhalb der größten Fraktion zwei Lager gab, sondern auch einzelne Mitglieder hin- und hergerissen waren, oder vielleicht noch sind. Zum Beispiel der erfahrene Ratsherr Gerhard Piepenbrock: „Wir haben hier ein Gewerbegebiet, und das sollte es auch bleiben.“ Zitat vom 15. Dezember 2005. „Wir müssen den Baumarkt schlucken, damit es an dieser Stelle weitergeht.“ Zitat vom 14. September 2006. Bei der Pressekonferenz am Mittwoch sprachen andere.
Da war dann die Rede von der städtischen Planungshoheit als Waffe, die nun ergriffen werde. Doch warum erst jetzt? Warum hat sich die Politik, und gerade die CDU, vom Düsseldorfer Investor dermaßen unter Druck setzen lassen, dass sie die Kröte Baumarkt zu schlucken bereit war? Die Planungshoheit ist keine neue Erfindung.
Mutig wäre es gewesen, schon vor zwei Jahren Richtung Düsseldorf zu sagen: Baumarkt? Kommt nicht in Frage, wir haben andere Visionen und glauben an die langfristige Entwicklung dieser Stadt. Und nicht erst jetzt, mit der brummenden Konjunktur im Rücken und der Aussicht, dass auch aufwändig herzurichtende und damit vergleichsweise teure Gewerbeflächen an der Holzstraße Abnehmer finden.
Mutig wäre es jetzt gewesen, ganz neu nachzudenken. Nur zu sagen, Gewerbegebiet bleibt Gewerbegebiet, und daneben bauen wir einige Wohnungen, klingt nicht gerade nach Vision, hört sich eher nach Nummer sicher an. Aber vielleicht kommt jetzt neuer Schwung in die Debatte. Gütersloh hätte hier zehn Hektar echten Gestaltungsraum. Wenn Pfleiderer verkauft. Rainer Holzkamp