NW: Weberei-Vorstand soll haften - Schuldenberg auf 840.000 Euro gewachsen (17.05.07)

Von Rainer Holzkamp - Gütersloh. Erst war von 450.000 Euro die Rede, dann von 600.000 Euro. Gestern nun ist die hinter verschlossenen Türen im Bielefelder Amtsgericht tagende Gläubigerversammlung mit einem weiter gestiegenen Schuldenstand der Weberei konfrontiert worden. Demnach belaufen sich die Verbindlichkeiten auf 840.000 Euro. Und angesichts geringer Masse gehen die Gläubiger zwar nicht leer aus, können aber nur einen Bruchteil ihrer Ansprüche über das Insolvenzverfahren wieder hereinholen. Daher versucht das Finanzamt inzwischen über andere Wege, an sein Geld zu kommen.
Nach NW-Informationen soll die Behörde ein Verfahren zur sogenannten Haftungsinanspruchnahme eingeleitet haben. Es richtet sich gegen die Spitze des ehemaligen Trägervereins der Weberei. Das bedeutet, die Vorstandsmitglieder Hanne Heudtlass und Johannes Ogur müssen möglicherweise persönlich die Forderungen ausgleichen. Heudtlass sagte auf Anfrage, ihr sei „davon nichts bekannt“.

Allein das Finanzamt hat Forderungen in Höhe von 200.000 Euro geltend gemacht. Das geht aus dem der NW vorliegenden Insolvenzverwalterbericht hervor, der gestern vor Gericht beraten wurde.

Daneben bestehen Verbindlichkeiten gegenüber der Sparkasse Gütersloh (100.000 Euro) und der Arbeitsverwaltung (100.000) sowie 440.000 „sonstigen Verbindlichkeiten“. Dahinter verbergen sich neben zum Teil geringfügigen Forderungen der insgesamt rund 60 Gläubiger zwei weitere dicke Batzen. Zum einen Ansprüche der Krankenkassen und Sozialversicherungsträger und zum anderen – das ist der größte Einzelbetrag – die Forderung des zu Unrecht fristlos entlassenen Geschäftsführers Andreas Voßhenrich-Werner.

Sie beläuft sich auf 241.000 Euro (Gehaltsnachzahlung und Abfindung) und war bisher in der Liste der Verbindlichkeiten noch nicht aufgetaucht, so dass die Schulden erst jetzt die Marke von 840.000 Euro erreichten.

Auch Voßhenrich-Werner hat keine Aussicht, nachträglich groß Kasse zu machen. Denn die zu verteilende freie Masse beträgt laut Gutachten des Verler Insolvenzverwalters Norbert Küpper nach jetzigem Stand nur etwas mehr als 141.000 Euro. Es handelt sich um 100.000 Euro Überschuss aus dem Betrieb seit dem Insolvenzantrag, Einnahmen aus dem verkauf des Mobiliars an den neuen Träger Pari-Sozial (23.000 Euro) und Vorräte im Wert von 18.000 Euro. Möglicherweise kämen noch einige tausend Euro hinzu, aber die Auszahlungs-Quote werde am Ende nicht mehr als fünf bis zehn Prozent je Forderung betragen, erklärte Küpper, der mit dem Abschluss des Verfahrens erst im kommenden Jahr rechnet.

Besonders bitter für Voßhenrich-Werner: Hätte er sich Anfang Januar nicht auf die offenbar der Geheimhaltung unterliegende außergerichtliche Vereinbarung eingelassen, die sein Arbeitsverhältnis mit der Weberei endgültig beendete, wäre er jetzt nicht nur quotenberechtigt. Vielmehr hätte er als Arbeitnehmer laut Insolvenzrecht bevorrechtigte Forderungen und könnte möglicherweise die gesamte freie Masse für sich beanspruchen.

Wie berichtet, war die Vereinbarung zwischen ihm und dem Verein am 5. Januar unterzeichnet worden. Das war ein Freitag. Schon am nächsten Montag meldete die Weberei Insolvenz an. Somit waren die Abmachungen nichts mehr wert. Dem Vernehmen nach sahen sie unter anderem vor, dass der frühere Geschäftsführer von seinem Ex-Arbeitgeber ab Mai monatlich einen Betrag in Höhe von 1.500 Euro erhält, und zwar solange, bis die Gesamtforderung abgezahlt ist.

Voßhenrich-Werner wollte sich dazu gestern nicht äußern. Auch sein weiteres Vorgehen ließ er offen. Er wolle zunächst seine Anwälte konsultieren.

Zu hören war jedoch, dass neben dem Finanzamt weitere Gläubiger erwägen, den alten Vereinsvorstand in Haftung zu nehmen. Offenbar handelt es sich um die Krankenkassen.