Über die Protestaktion gegen das Kinderbildungsgesetz mit immerhin rund 1000 Teilnehmern berichten "Die Glocke", das â€Westfalen-Blatt†und die "Neue Westfäliche":
GL:1000 Eltern, Erzieher und Kinder protestieren - „Herzenswünsche“ gegen „Kibiz“
Gütersloh (heva). Ihre Wünsche stehen mit Kinderschrift auf roten Herzen, doch sie sind den 1000 Menschen, die durch die Innenstadt ziehen, sehr ernst. „Keine Personaleinsparungen“ und „zufriedene Kindergärtner“ fordern die Eltern, Kinder und Erzieher auf gebastelten Transparenten.
Vom „Kibiz“ genannten Kinderbildungsgesetz der schwarz-gelben Landesregierung erwarten die Demonstranten das Gegenteil. Deshalb, sagen sie, gehöre das Gesetz gekippt.
Mit Trillerpfeifen und Rasseln wollen die „Kibiz“-Gegner das Gesetz über die Kinderbildung in letzter Minute stoppen. „Kibiz weg! Es hat keinen Zweck!“, rufen die Erwachsenen unterstützt von Kindern in Wagen und auf Schultern immer wieder. Während des kurzen Marschs von der Martin-Luther-Kirche zum Rathaus verteilen Erzieherinnen Handzettel, auf denen sie fragen: „Wie soll das bloß funktionieren?“ Bessere Bildung sei nicht mit weniger Geld zu erreichen. Ihre „Herzenswünsche“ haben die Demonstranten für Bürgermeisterin Maria Unger auf die roten Pappherzen geschrieben. Die Politikerin solle sich gegen „Kibiz“ engagieren, fordert die Leiterin der Kindertagesstätte „Spielkiste“, Bettina Bräuer, per Megaphon vor dem Rathaus.
Doch die SPD-Bürgermeisterin ist sich mit den Eltern und Erziehern weitgehend einig. Etwa im Städte- und Gemeindebund werde sie sich für Änderungen an dem Gesetz einsetzen, verspricht Unger. Unterstützung bekommen die Demonstranten zudem von der SPD-Landtagsabgeordneten Helga Gießelmann. Die Sozialpolitikerin aus Bielefeld berichtet den Menschen vor dem Gütersloher Rathaus von den Beratungen im Landtag. Bettina Bräuer gibt ihr die Forderungen der Eltern und Erzieher mit auf den Weg nach Düsseldorf: Die Elternbeiträge dürften nicht steigen, die Gruppen nicht größer werden. Außerdem brauche es etwa flexible Öffnungszeiten in den Kindergärten und -tagesstätten. Nachdruck verleihen wollen die gut 1000 Demonstranten aus Gütersloh, Verl und Rietberg ihren Wünschen mit Unterschriften. 4800 Menschen hätten sich inzwischen per Eintrag auf ausliegenden Listen gegen „Kibiz“ ausgesprochen, sagt Bettina Bräuer. Bis die Organisatoren des Gütersloher Protests die Unterschriften an die Düsseldorfer Landesregierung weiterleiteten, kämen sicher noch viele hinzu. Als Mahnung an die Bürgermeisterin lassen die Demonstranten ihre Transparente im Rathaus.
WB: Ein Protest, der von Herzen kommt - Mehr als 1000 Kinder, Mütter und Väter demonstrieren gegen Kinderbildungsgesetz Von Stephan Rechlin und Wolfgang Wotke (Fotos) - Gütersloh (WB). Nein, das Eis gibts später, jetzt wird erstmal demonstriert. Mindestens 1000 Kinder, Mütter und Väter zogen gestern in einem Protestmarsch von der Martin-Luther-Kirche zum Rathaus. Dort übergaben sie Bürgermeisterin Maria Unger ihre »Herzenswünsche« zum geplanten Kinderbildungsgesetz (Kibiz).
Über diese Resonanz waren die Initiatoren der Kindertagesstätte »Spielkiste« wohl selber überrascht. Schon um 15 Uhr ist der Platz vor der Kirche »rappelvoll«. Die Kinder pusten in Trillerpfeifen, schwingen Rasseln und klatschende Spielzeughände aus Holz. Wer von ihnen verspricht, gut drauf aufzupassen und es immer schön hochzuhalten, darf auch einen Stab mit einem roten Herz aus Pappkarton haben. Darauf stehen die Forderungen der Familien.
Im Zentrum steht der Wunsch, die große, altersgemischte Gruppe zu erhalten. Das ist ein besonderes Problem der »Spielkiste«. Nach dem Gesetzentwurf dürfen Schulkinder am Nachmittag nicht mehr in ihren ehemaligen Kindergarten, sie sollen in der offenen Ganztagsschule bleiben. In der »Spielkiste« gehört der Besuch der älteren Schulkinder am Nachmittag zum Konzept. Das können Eltern und Erzieher mit dem neuen Gesetz vergessen, ebenso die in diesem Jahr noch dafür gezahlten Zuschüsse. »Ich will die Altersmischung behalten« steht darum auf dem Herzen der kleinen Pia. »Ich spiele gerne Fußball mit den älteren Kindern«, steht auf dem Herz von Felix.
Es gibt aber auch allgemeine, gegen das Kibiz formulierte Protestherzen. »Reich: 45 Stunden. Arm: 25 Stunden« etwa wendet sich gegen die neue Beitragsstaffelung. »Höhere Beiträge, größere Gruppen« oder »Sparmaßnahmen auf dem Rücken unserer Kinder« sprechen Befürchtungen an, die mit dem neuen Gesetz verbunden sind. Die überwiegende Zahl der Herzen aber spricht Wünsche aus, die Eltern schon lange hegen, angesichts von Stellenabbau und Personalmangel in den vergangenen Jahren gar nicht mehr zu äußern wagten. »Keine Personaleinsparungen« - »Flexible Öffnungszeiten« - »Mehr Fachpersonal« - »Wir möchten Erzieherinnen, die Zeit haben« - »Bildung ist mehr als Sprache. Unser Wunsch: Ganzheitliche Förderung.«
Vor dem Marsch zum Rathaus studieren Eltern und Kinder schnell noch ein Protestlied ein. Zur allen bekannten Melodie singen sie: »Horch, was kommt draußen rein, hollahi, hollaho, wird doch wohl kein Kibiz sein, hollahi-jaho. Minister Laschet, das Gesetz ist schlecht, hollahi-hollaho, Nimmst uns Kindern das Bildungsrecht, hollahi-jahoÉ« Das stimmt Spielkiste-Leiterin Bettina Bräuer unterwegs an der Spitze des Protestmarsches über Megafon an. Und alle singen mit.
Vor dem Rathaus warten Jugenddezernent Andreas Kimpel und Jugendamtsleiter Horst Haddenhorst. Als sich der Konrad- Adenauer-Platz füllt, stößt die Bürgermeisterin hinzu. Maria Unger nimmt die Herzen entgegen und spricht ein paar Worte ins Megafon, die in dem Gepfeife und Getröte hinten jedoch untergehen. Im Jugendhilfeausschuss wenig später im Ratssaal wiederholt sie es noch einmal verständlich. Sie werde die Herzen alle lesen und dann persönlich in Düsseldorf übergeben.
NW: Viele Herzenswünsche vorgetragen - Lautstarker Protest gegen Kinderbildungsgesetz / Rund 1.000 Demonstrationsteilnehmer
Gütersloh (raho). Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Sorgen, sagt der Volksmund. Das Bild gestern Nachmittag in der Innenstadt sprach eine andere Sprache. Erzieherinnen von über 40 Kindertagesstätten aus Gütersloh, aber auch aus Rietberg und Verl, protestierten gemeinsam mit Eltern und ihren Jüngsten gegen das umstrittene neue Kinderbildungsgesetz (Kibiz), das die schwarz-gelbe Landesregierung zum 1. Januar kommenden Jahres in Kraft setzen will. Rund 1.000 große und kleine Demonstranten hatte das Organisationsteam um Bettina Bräuer von der Kita Spielkiste in den vergangenen zwei Wochen dafür mobilisiert.
Mit Tröten und Trillerpfeifen, Rasseln, Schellen und „Kibiz weg, hat kein Zweck“ skandierend zogen sie von der Martin-Luther-Kirche zum Rathaus, um Bürgermeisterin Maria Unger Listen mit 4.800 Unterschriften zu übergeben und ihre Sorgen vorzutragen.
Größere Gruppen, weniger Personal, höhere Elternbeiträge, schlechtere Betreuung der unter Dreijährigen, keine große Altersmischung mehr von drei bis zehn Jahren – Kibiz bringe auf vielen Ebenen eine deutliche Verschlechterung mit sich, so Bettina Bräuer von der Kita Spielkiste und Christiane Keller (Villa Kunterbunt). Das Ergebnis sei also das Gegenteil dessen, was der Name des Gesetzes verspreche.
Daher war auf viele Plakate die Forderung gemalt: „Stoppt Kibiz!“. Dafür solle sich die Bürgermeisterin einsetzen, indem sie das Thema in den örtlichen Politik-Gremien anspreche und auch über die heimischen Landtagsabgeordneten Einfluss geltend mache, so Bräuer und Keller.
Sie kritisierten unter anderem, dass der Gesetzesentwurf kurz vor der Sommerpause vorgelegt wurde und bereits im Oktober verabschiedet werden soll – „ohne dass das bisher mit Leuten aus der Praxis besprochen und durchgespielt worden ist“.
Die Protestaktion stand unter dem Motto „Herzenswünsche“. Die Kitas hatten dies in den vergangenen Tagen mit Basteleifer umgesetzt. Und am Ende der Veranstaltung wurde die Bürgermeisterin mit den Ergebnissen geradezu überhäuft: Rote Herzen am Stiel oder rosafarbene Herzen an der Schnur, Herzen mit Bildern oder Herzen mit schriftlichen Wünschen wie dem des kleinen Aleksandr-André (3): „Der Stuhlkreis macht mit weniger Kindern viel mehr Spaß.“
Heinz-Haddenhorst, Leiter des städtischen Fachbereichs Jugend, der gemeinsam mit Unger und Sozialdezernent Andreas Kimpel die Demonstranten empfing, sah sich außerstande, den Gesetzesentwurf inhaltlich zu bewerten. „Da ist noch vieles unvollständig.“ Der Protest von Eltern und Erziehern spiele sich daher „auf der Befürchtungsebene ab“, was er aber gut verstehen könne, meinte Haddenhorst. „Klar sei aber“, meinte Andreas Kimpel, „und das zeigt diese Kundgebung in beeindruckender Weise: Der Gesetzgeber hat ein echtes Kommunikationsproblem“.